Zwischen Licht und Dunkelheit

Die Herbst-Tagundnachtgleiche und die Kunst, Balance neu zu denken

Zweimal im Jahr geschieht etwas Besonderes. Tag und Nacht kommen sich in ihrer Länge sehr nahe. Die Sonne überquert den Himmelsäquator – und wir erreichen eine Equinox. Im Frühling markiert sie den Übergang in die hellere Hälfte des Jahres. Im Herbst führt sie uns in die andere Richtung. Towards the darker season.

Ein Wendepunkt im Jahr

Die Herbst-Tagundnachtgleiche fällt auf der Nordhalbkugel gewöhnlich auf den 22. oder 23. September. Danach werden die Nächte länger als die Tage. Heute können wir das relativ leicht ignorieren. Wir schalten morgens das Licht an. Arbeiten bis abends. Bestellen Erdbeeren im Winter. Unsere Kalender unterscheiden kaum zwischen Juni und November. Für Menschen, deren Alltag wesentlich unmittelbarer von Tageslicht, Wetter und Landwirtschaft geprägt war, hatten solche Veränderungen eine viel größere praktische Bedeutung. Und vielleicht lohnt es sich, diesen Wendepunkt auch heute wieder bewusst wahrzunehmen.

Light & Dark

Spirituell gefällt mir an der Equinox vor allem ein Bild:

Licht und Dunkelheit begegnen sich. Nicht als Gut und Böse. Sondern als zwei Teile desselben Zyklus. Wir feiern Licht sehr gerne. Wachstum. Energie. Expansion. Sichtbarkeit. Sommer. Aber Dunkelheit hat ebenfalls eine Funktion. Rückzug. Regeneration. Intimität. Träumen. Nichtwissen. Stille.

We need both.

Vielleicht haben wir Balance falsch verstanden

Balance klingt oft nach 50/50. Acht Stunden Arbeit. Acht Stunden Freizeit. Perfekte Routinen. Alles ordentlich verteilt. Aber die Natur funktioniert nicht so. Im Juni haben wir in Hamburg sehr viel mehr Licht als im Dezember. Und trotzdem ist nicht einer dieser Monate „falsch“. Balance kann auch über einen Zyklus entstehen. Es gibt Phasen, in denen wir viel geben. Und Phasen, in denen wir empfangen. Phasen für Expansion. Und Phasen für Integration. Vielleicht müssen wir deshalb nicht jeden einzelnen Tag perfekt ausbalancieren. Vielleicht dürfen wir stattdessen fragen:

What does this season need from me?

Ein Equinox Ritual

Am Abend der Tagundnachtgleiche kannst du zwei Kerzen anzünden. Eine steht für das, was gerade sichtbar ist. Eine für das, was noch im Dunkeln liegt. Nimm ein Blatt Papier. Auf die eine Seite schreibst du:

LIGHT

Was ist gerade klar? Was funktioniert? Wofür bist du dankbar? Was möchtest du weiter nähren?

Auf die andere:

DARK

Wo kennst du die Antwort noch nicht? Was darf ruhen? Was musst du gerade nicht lösen? Was darf sich entwickeln, ohne dass du es kontrollierst?

Dann leg das Blatt weg. Du musst keine Entscheidung treffen. Das Ritual muss nichts „manifestieren“. Vielleicht reicht es, beides gleichzeitig existieren zu lassen.

Entering the darker season

Der Herbst erinnert uns daran, dass Dunkelheit nicht automatisch Abwesenheit bedeutet. Manchmal passiert gerade dort etwas. Unsichtbar. Still. Langsam. Vielleicht dürfen wir deshalb diesen Herbst weniger fragen:

Wie halte ich meine Sommerenergie aufrecht?

Und stattdessen:

Wer bin ich, wenn ich nicht ständig wachsen muss?

Vielleicht ist genau das eine andere Form von Balance. Nicht immer gleich viel Licht. Sondern Vertrauen in beide Seiten des Zyklus.

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